Der Hohlraum dazwischen
Wir wohnen seit nunmehr neun Jahren in einem Dorf mit gerade einmal 100 Einwohnern. Obwohl wir im Sommer viel spazieren gehen und nicht dafür bekannt sind, bei der Annäherung anderer Menschen mit einem Sprung hinter Bäume Deckung zu suchen, immer schön grüßen und uns gelegentlich zum Osterfeuer begeben, kennt uns kaum jemand hier.
Das wurde uns gestern bei der rituellen Weihnachtsbaumverbrennung deutlich. Eine Nachbarin, die mich regelmäßig grüßt, wenn ich am Fenster stehe, fragte mich, wo sie mich eigentlich einzuordnen hätten und, nachdem sie erkannt hatte, dass ich ihr mit etwas Mühe Kuchen von meiner Küche aus in ihre werfen könnte, meinte, man könnte ja mal mehr in Kontakt kommen. Ein anderer fragte „Seid ihr die mit dem Beagle?“ und auf unsere Antwort „Nein, wir haben keinen Hund“, kam die halb scherzhafte Entgegnung „Worüber sollen wir denn dann sprechen?“ Die nächste Neuankommende musterte uns kritisch und verlangte zu wissen, „ob wir die mir dem Kind seien“, was wir wiederum verneinen mussten – woraufhin sie sich dann rasch anderen Leuten zuwandte.
Und ich verstand endlich.
Ich bin kein uninteressanter Mensch. Ich habe viele Hobbies und Interessen, ich kann mich über zahlreiche Themen unterhalten oder im Zweifelsfalle gut zuhören. Aber das interessiert da im Dorfe im Grunde keinen, die Fragen „was machst du, wer bist du“ kommen nicht auf. Hier in der 100-Seelen-Gemeinde bin ich, wie ich jetzt endlich weiß!, nur der Hohlraum zwischen Hund und Kind. Und da ich beides nicht habe (Katzen zählen nicht, die gibt es im Dutzend billiger…), bin ich nur der Hohlraum und somit unsichtbar.
Und darum ist es so, dass auch nach neun Jahren eifrigen Spazierengehens (ohne Hund!) im Grund mein Fuß niemals den Boden dieses Dorfes berührt hat.
Soviel zur Anonymität der Stadt…



