Wir haben gerade die Star Trek Classics gesehen, unter anderem die Folge “All our Yesterdays” (die ich bisher noch nicht kannte. Darin retten sich die Bewohner eines Planeten vor ihrer explodierenden Sonne, indem sie sich - da sie keine Raumfahrt haben und Starfleet es erst drei Stunden vor dem großen Bumm mal schafft, vorbei zu schauen - in ihre eigene Vergangenheit versetzen. Jeder kann sich in einer Bibliothek ausführlich über die verschiedenen Zeitalter informieren, seine Wahl treffen und wird dann in diese Epoche versetzt, um dort in Ruhe sein Leben zu Ende zu leben (und nein, keiner macht sich Gedanken über Zeitparadoxien oder die Veränderung der eigenen Historie durch eingeschlepptes Wissen, scheint auch irgendwie alles zu klappen…). Die Geschichte hat mich zu der Frage gebracht, in welche Epoche unserer Erdgeschichte ich mich würde versetzen lassen? Mittelalter? Hübsch auf einem Markt, aber spätestens, wenn es zum Zahnarzt geht, sehe ich das anders. Wikinger? Immerhin hatten die Frauen da keine so schlechte Rolle, nur die Winter… puuh… die kalten Winter. Rokoko? Hübsch anzusehen, aber sicher nicht zu riechen. Lieber eine Zeit mit wenigen Menschen, damit es nicht zu den ganzen unausweichlich erscheinenden Kriegen kommt? Was waren denn die friedlichsten Epochen der Weltgeschichte? Ein Blick ins Internet belehrt mich, dass der große Römische Frieden nicht schlecht war, es sei denn, man war in Grenzscharmützelgebiet oder in Britannien. Und das große Mongolenreich soll so sicher gewesen sein, dass “eine Frau einen Sack voll Gold vom einen Ende zum andern tragen konnte, ohne befürchten zu müssen, angegriffen zu werden” - klingt gut, bis auf den Hinweis, dass dieser Friede durch die skrupellose Ausmerzung aller störenden Elemente erreicht und gehalten wurde. Ich habe schließlich die Aborigines in Australien in Erwägung gezogen, die sollen für Krieg nichts übrig gehabt haben in ihrer langen Geschichte - nur ob die mich würden aufnehme wollen, als ein seltsames Wesen, das aus ihren Träumen gefallen zu sein scheint?
Viele Internetseiten waren sich in einer Einschätzung einig: hier und heute ist die friedlichste, die beste aller Zeiten. Allen Kriegen zum Trotz, dem Terrorismus, den Drohungen und Diktaturen, ist Gewalt in vielen Teilen dieser Welt im großen wie im kleinen Rahmen nicht mehr so präsent wie in allen Jahrhunderten zuvor. Dazu die anderen Vorteile: Gesundheitssystem, das kleine Wunder vollbringen kann, gute Bildung, wenn man kann und mag, Raum für Kunst, Kultur und Müßiggang, genaug Essen und gutes Wasser, und frieren muss ich auch nicht. Super.
Was ich mich dann nur frage ist, warum so furchtbar viele Leute in der Stadt, in den Restaurants und Cafés so aussehen, als würden sie da eine Strafe absitzen. Warum so viele Leute meinen, gar nicht laut genug klagen zu können für all das Unbill in ihren Tagen. Warum wir so vor uns hin grübeln und vereinsamen und nach dem Sinn des Lebens greifen, der uns immer entfleucht? Warum es auch mir persönlich nicht so oft gelingt, zufrieden und - ja! - glücklich zu sein, wie ich es mit Fug und Recht sein könnte. Was sagte der Agent Smith in dem Film “Matrix”? Dass die Menschen in der ersten Version der Illusionswelt unruhig wurden, da es ihnen dort zu gut ging, dass sie das Paradies nicht leben konnten? Vermutlich ist es nicht ganz tiefsinnig, Lebensweisheiten aus Science-Fiction-Filmen zu extrahieren, aber ich bin versucht, dem zuzustimmen. Wenn ich eine Epoche wählen müsste, um mich hinein versetzen zu lassen, ich würde die jetzige nehmen. Und wenn mir nach Mittelalter ist, nach Rokoko, nach Star-Trek-Welten, ich kann sie mir hier simulieren und “wirklich” machen - das ist, neben allem anderen, eine Freiheit, die es nicht in vielen Zeiten gab, glaube ich…